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GEISTSTUDIES
FrageBand 02GA 23

Ist meine Arbeitskraft eine Ware?

11 Stellen aus Band 02 „Die Soziale Dreigliederung“. Steiner schreibt 1919 und meint zuerst die körperliche ArbeitskraftGA 23 S. 77; die Stelle zum Lehrer zeigt, wie weit er den Gedanken selbst trägtGA 23 S. 130.

Kurz gesagtWas der Band zu dieser Frage sagt, in unseren Worten; jede Aussage mit Seite.

Kurz gesagt

Steiner stuft ab: Als Sklave wurde der ganze Mensch wie eine Ware verkauft, durch die Leibeigenschaft wurde „ein Teil des Menschenwesens“ in den Wirtschaftsprozess eingegliedert; der Kapitalismus drücke „noch einem Rest des Menschenwesens den Charakter der Ware“ auf, der ArbeitskraftGA 23 S. 53. Den Warencharakter verliere sie nur, wenn man sie „aus dem Wirtschaftsprozess herauszureißen“ vermag, „um sie von sozialen Kräften bestimmen zu lassen, die ihr den Warencharakter nehmen“GA 23 S. 54. Arbeit habe keinen mit Waren vergleichbaren wirtschaftlichen Wert; in Wirklichkeit könne man „nur Geld für Arbeitserzeugnis geben“GA 23 S. 77–78. In der von Steiner beschriebenen Ordnung beziehe sich ein „wirklich freies Vertragsverhältnis zwischen Arbeitleiter und Arbeitleister“ nicht auf einen Tausch von Geld gegen Arbeitskraft, sondern auf die „Festsetzung des Anteiles“, den jeder der beiden an der gemeinsam hervorgebrachten Ware hatGA 23 S. 99. Wie und in welchem Maß ein Mensch „für den Bestand des sozialen Organismus zu arbeiten hat“, müsse nach Steiner „aus seiner Fähigkeit heraus und aus den Bedingungen eines menschenwürdigen Daseins“ geregelt werden, vom politischen Staat „in Unabhängigkeit von den Verwaltungen des Wirtschaftslebens“GA 23 S. 78, einem Rechtsstaat, der auf den Impulsen aufgebaut sein soll, „die man gegenwärtig die demokratischen nennt“GA 23 S. 69. Dass der Wohlstand dann mit dem so bestimmten Maß der Arbeit sinke und steige, nennt Steiner notwendig: Nur das könne verhindern, „dass der Mensch durch das Wirtschaftsleben so verbraucht werde, dass er sein Dasein nicht mehr als menschenwürdig empfinden kann“GA 23 S. 79.

Die StellenSteiners Sätze, so wie sie in der Studienausgabe stehen.

Die Stellen

Erstes KapitelDie wahre Gestalt der sozialen Frage, erfasst aus dem Leben der modernen MenschheitGA 23 S. 53

Im Altertum gab es Sklaven. Der ganze Mensch wurde wie eine Ware verkauft. Etwas weniger vom Menschen, aber doch eben ein Teil des Menschenwesens selber wurde in den Wirtschaftsprozess eingegliedert durch die Leibeigenschaft. Der Kapitalismus ist die Macht geworden, die noch einem Rest des Menschenwesens den Charakter der Ware aufdrückt: der Arbeitskraft.

GA 23 S. 54

Man kann nicht die menschliche Arbeitskraft des Warencharakters entkleiden, wenn man nicht die Möglichkeit findet, sie aus dem Wirtschaftsprozess herauszureißen.

GA 23 S. 55

Denn eine andere Wirtschaftsform wird diese Arbeitskraft nur in einer andern Art zur Ware machen.

Zweites KapitelDie vom Leben geforderten wirklichkeitsgemäßen Lösungsversuche für die sozialen Fragen und NotwendigkeitenGA 23 S. 71

Gegenwärtig bewegt sich in dem wirtschaftlichen Kreislauf, in dem sich bloß Waren bewegen sollen, auch die menschliche Arbeitskraft, und es bewegen sich auch Rechte.

Aus einer Fußnote Steiners zur Ausgabe von 1920GA 23 S. 77

Geld und Arbeit sind keine austauschbaren Werte, sondern nur Geld und Arbeitserzeugnis. Gebe ich daher Geld für Arbeit, so tue ich etwas Falsches. Ich schaffe einen Scheinvorgang. Denn in Wirklichkeit kann ich nur Geld für Arbeitserzeugnis geben.

Den Vergleich mit dem menschlichen Organismus nennt Steiner ausdrücklich „nichts anderes … als eben ein Vergleich“GA 23 S. 56.GA 23 S. 78

Im gesunden sozialen Organismus muss zutage treten, dass die Arbeit nicht bezahlt werden kann. Denn diese kann nicht im Vergleich mit einer Ware einen wirtschaftlichen Wert erhalten. Einen solchen hat erst die durch Arbeit hervorgebrachte Ware im Vergleich mit andern Waren.

Drittes KapitelKapitalismus und soziale Ideen (Kapital, Menschenarbeit)GA 23 S. 99

Durch soziale Einrichtungen, die in der Richtung des hier Dargestellten liegen, wird der Boden geschaffen für ein wirklich freies Vertragsverhältnis zwischen Arbeitleiter und Arbeitleister. Und dieses Verhältnis wird sich beziehen nicht auf einen Tausch von Ware (beziehungsweise Geld) für Arbeitskraft, sondern auf die Festsetzung des Anteiles, den eine jede der beiden Personen hat, welche die Ware gemeinsam zustande bringen.

GA 23 S. 100

Nicht die freie Entfaltung der auf Grundlage des Kapitals wirkenden individuellen Fähigkeiten hat Zustände hervorgerufen, innerhalb welcher die menschliche Arbeitskraft Ware sein muss, sondern die Fesselung dieser Kräfte durch das politische Staatsleben oder durch den Kreislauf des Wirtschaftslebens.

GA 23 S. 130

Was ein Lehrer an seinen Schülern leistet, ist für den Wirtschaftskreislauf Ware. Dem Lehrer werden seine individuellen Fähigkeiten ebenso wenig bezahlt wie dem Arbeiter seine Arbeitskraft. Bezahlt kann beiden nur werden, was, von ihnen ausgehend, im Wirtschaftskreislauf Ware und Waren sein kann.

GA 23 S. 136

Diese Schrift stellt eine Form des sozialen Organismus dar, in dem der Begriff des Arbeitslohnes ebenso eine Umformung erfährt wie der alte Eigentumsbegriff.

GA 23 S. 136

Nur eine leichtfertige Beurteilung wird finden können, dass mit der Verwirklichung des hier Dargestellten nichts weiter getan sei, als dass der Arbeitszeitlohn in Stücklohn verwandelt werde.

Was der Text nicht sagtNaheliegende Lesarten, die der Band nicht trägt.

Was der Text nicht sagt

  • Nicht: unbezahlte Arbeit. Der Satz, „dass die Arbeit nicht bezahlt werden kann“, meint: Bezahlt wird das Arbeitserzeugnis, und aus dessen Gegenwert erhält der Arbeiter seinen AnteilGA 23 S. 77–78.
  • Nicht: Lohnarbeit ist Sklaverei. Steiner sieht zwar eine „Fortentwicklungslinie“ vom Sklavenwesen über die Leibeigenschaft zum modernen ArbeitsproletariatGA 23 S. 52, stuft aber ausdrücklich ab, vom ganzen Menschen über „Etwas weniger vom Menschen“ bis zu einem „Rest“GA 23 S. 53.
  • Nicht nur eine Kritik am Kapitalismus: Auch eine andere Wirtschaftsform mache die Arbeitskraft „nur in einer andern Art zur Ware“GA 23 S. 55.
  • Nicht: bloß Stücklohn statt Zeitlohn. Dass „nichts weiter getan sei, als dass der Arbeitszeitlohn in Stücklohn verwandelt werde“, nennt Steiner eine „leichtfertige Beurteilung“; gemeint sei die „Ablösung des Entlohnungsverhältnisses durch das vertragsgemäße Teilungsverhältnis“GA 23 S. 136.
  • Keine Vorwegnahme von Mitbestimmung oder Gewinnbeteiligung: Der Anteil ersetzt den Lohn, statt zu ihm hinzuzukommenGA 23 S. 136; die regelmäßigen „Besprechungen“ sollen nach Steiner „von dem Unternehmer veranstaltet“ werden, zur Entwicklung „eines gemeinsamen Vorstellungskreises“GA 23 S. 97. Die Wörter „Mitbestimmung“, „Betriebsrat“ und „Stimmrecht“ kommen im Band nicht vor.
Zu den Stellen

Die Frage ist von heute. „Kurz gesagt“ fasst in unseren Worten zusammen, was der Band zu dieser Frage sagt; „Was der Text nicht sagt“ nennt naheliegende Lesarten, die er nicht trägt. Jede Aussage über den Text nennt ihre Seite, und jedes Zitat daraus steht im Wortlaut der Studienausgabe auf dieser Seite; dass ein Wort im Band nicht vorkommt, ist am ganzen Band gezählt. Auch Vorspann, Auswahl der Stellen und Hinweise in der Randspalte sind unsere. Die Stellen selbst sind Steiners Sätze – bei Vorträgen in der Übertragung der Stenogramme, die die Gesamtausgabe druckt –, so wie sie in der Studienausgabe stehen: in heutiger Rechtschreibung, behutsam modernisiert, mit der Seite der Gesamtausgabe (GA) in der Auflage, die der Band nennt, damit sich jede Stelle im Original nachschlagen lässt. Den ganzen Zusammenhang gibt der Band.

Der BandBand 02

Die Soziale Dreigliederung

Alle Stellen stehen in Band 02 „Die Soziale Dreigliederung“ der Studienausgabe, herausgegeben von GeistStudies – dort im Zusammenhang des ganzen Textes.

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