Warum sollen Kinder nach Steiner erst schreiben und dann lesen lernen?
10 Stellen aus Band 01 „Waldorfpädagogik: Grundlagen und Praxis“. Steiner spricht hier über den Unterricht der ersten Schuljahre, in Vorträgen von 1919 und 1924GA 293 S. 168GA 311 S. 35, einmal vor Eltern kurz vor der Eröffnung der ersten Waldorfschule 1919GA 297 S. 77.
Kurz gesagt
Steiner will den Weg umkehren: nicht „zuerst lesen lehren“, sondern vom „zeichnenden Malen, malenden Zeichnen“ ausgehen, daraus die Buchstaben entstehen lassen und „dann erst“ zum Lesen übergehenGA 311 S. 33. Die Buchstaben seien dem Kind „etwas ganz Fremdes“; aus dem gemalten Mund lasse man das M hervorgehen, aus dem gemalten Fisch das FGA 311 S. 31–32. Das Schreiben solle vor dem Lesen kommen, weil beim Schreiben „der ganze Mensch“ beteiligt sei, beim Lesen „nur der Kopf“GA 311 S. 35; das Lesen lasse sich dann „leicht lehren“GA 308 S. 60. Getrennte Fächer sollen Lesen und Schreiben dabei nicht sein; 1924 sagt Steiner: „Lesen, Schreiben, alles muss eine Einheit sein.“GA 311 S. 22 Beim Alter sagt der Band Verschiedenes: Den Eltern kündigte Steiner 1919 an, die Kinder würden so „schneller lesen und schreiben lernen“GA 297 S. 77; 1924 nennt er in England Lesen und Schreiben, „so wie wir es heute haben“, „eigentlich erst etwas für den Menschen im späteren Lebensjahr, so im 11., 12. Lebensjahr“ und frühes Schreibenkönnen „sehr schlimm“GA 311 S. 34, räumt aber gleich ein, an einer Privatschule werde man „nicht so vorgehen können, wie man eigentlich sollte“GA 311 S. 35. Im selben Jahr nennt er in Stuttgart kein Lebensjahr, sondern den Zeitpunkt, an dem das Kind aufschreiben kann, was es spricht: „Dann erst ist die Zeit gekommen, wo man zu Leseübungen übergeht“GA 308 S. 60. Vor den künftigen Lehrern der Waldorfschule sagte er 1919, in der Fähigkeit, „Schreiben und Lesen zu lernen in den ersten Schuljahren“, zeige sich „das seelische Zahnen“GA 293 S. 200.
Die Stellen
Ja nicht zuerst lesen lehren, sondern zuerst vom zeichnenden Malen, malenden Zeichnen ausgehen, daraus die Buchstaben entstehen lassen, und dann erst dazu übergehen, zu lesen.
Das Kind hat ja gar keine Beziehung zu so etwas wie einem A. Warum sollte das Kind eine Beziehung haben zu so etwas, wie ein A ist? Warum sollte das Kind irgendwie sich interessieren für ein L? Diese Buchstaben sind ihm ja etwas ganz Fremdes.
Nehmen wir das Wort «Fisch», das ja auch im Englischen «fish» ist. Lassen Sie das Kind zeichnend, malend eine Art Fisch darstellen, lassen Sie den Anfang des Wortes sprechen: F; Sie kriegen nach und nach das F heraus aus dem Bild.
Vor allen Dingen soll man durchdringend wissen, erkennen, dass man nicht das Lesen-Lehren vor dem Schreiben-Lehren treiben soll, denn im Schreiben, insbesondere, wenn es aus dem malenden Zeichnen, zeichnenden Malen herausgeholt ist, betätigt sich der ganze Mensch. Die Finger sind dabei beteiligt, die Lage des Körpers, der ganze Mensch ist dabei beteiligt. Beim Lesen ist nur der Kopf beteiligt.
Nun ist das Kind bei einer bestimmten Entwicklung angelangt. Es spricht, und das, was es spricht, kann es schriftlich fixieren. Dann erst ist die Zeit gekommen, wo man zu Leseübungen übergeht, wo man anfängt, das Lesen zu lehren. Und es wird sich dieses Lesen leicht lehren lassen, wenn man zuerst das Schreiben bis zu einer wirklich in gewissem Sinne vollkommenen Stufe ausgebildet hat.
Das Kind einmal lesen lernen, einmal schreiben lernen lassen, ist gerade so, wie wenn Sie die Milch erst chemisch in zwei Teile spalten und ihm dann das eine und dann das andere eingeben würden. Lesen, Schreiben, alles muss eine Einheit sein.
So müssen wir schon in diesen ersten Jahren des Unterrichts, wo uns das Kind übergeben wird, so verfahren, dass wir Schreiben und Lesen in künstlerischer Art dem Kinde beibringen.
Und wenn es uns gelingt, das auch anzuwenden, was wir versuchen wollen, werden die Kinder schneller lesen und schreiben lernen, weil alles aus dem Leben herausgeholt ist, weil das Schreiben aus dem Zeichnen und nicht aus der Willkür herauskommt.
Lesen und Schreiben, so wie wir es heute haben, ist eigentlich erst etwas für den Menschen im späteren Lebensjahr, so im 11., 12. Lebensjahr.
Natürlich wird man heute, da man mit einer Privatschule die Kinder ja ins öffentliche Leben hineinzustellen hat, nicht so vorgehen können, wie man eigentlich sollte. Aber man kann dennoch viel, viel erreichen, wenn man die Dinge kennt.
Was der Text nicht sagt
- Nicht: Das Kind soll vor der Schule keine Schrift zu sehen bekommen. Über das nachahmende Kind vor dem Zahnwechsel schreibt Steiner 1907, es sei „sogar ganz gut, wenn das Kind zuerst die Schriftzeichen nachmalt und dann erst später ihren Sinn verstehen lernt“; auf den Sinn solle man erst „nach dem Zahnwechsel“ einwirkenGA 34 S. 328. Buchstaben schon „vor dem Zahnwechsel“ beizubringen, lehnt er 1924 ab: Man beschäftige das Kind damit mit Dingen, „die ihm ganz ferne liegen“GA 311 S. 31.
- Nicht: Malen statt Schreiben. Das Malen ist bei Steiner der Weg zur Schrift: Aus dem malenden Zeichnen soll das Schreiben entwickelt werden, „bis das Kind so weit ist, dass es das, was es innerlich als Wort, als Satz empfindet, aufschreiben kann“GA 308 S. 59.
- Nicht: ein Befund über Kinder, die früh lesen. Dass es „desto besser“ sei „für die späteren Lebensjahre“, je weniger man vor dem 11., 12. Lebensjahr fertig lesen und schreiben könne, begründet Steiner mit der eigenen Erfahrung, er habe mit 14, 15 Jahren nicht ordentlich schreiben können, und mit dem, was das „für die spätere spirituelle Entwicklung“ bedeuteGA 311 S. 34.
- Keine Vorwegnahme heutiger Leseforschung: Steiner begründet die Reihenfolge aus seiner Menschenkunde, mit dem ganzen Menschen beim Schreiben und dem Kopf beim LesenGA 311 S. 35; Begriffe wie „Legasthenie“ oder „Leseförderung“ kommen im Band nicht vor.
Die Frage ist von heute. „Kurz gesagt“ fasst in unseren Worten zusammen, was der Band zu dieser Frage sagt; „Was der Text nicht sagt“ nennt naheliegende Lesarten, die er nicht trägt. Jede Aussage über den Text nennt ihre Seite, und jedes Zitat daraus steht im Wortlaut der Studienausgabe auf dieser Seite; dass ein Wort im Band nicht vorkommt, ist am ganzen Band gezählt. Auch Vorspann, Auswahl der Stellen und Hinweise in der Randspalte sind unsere. Die Stellen selbst sind Steiners Sätze – bei Vorträgen in der Übertragung der Stenogramme, die die Gesamtausgabe druckt –, so wie sie in der Studienausgabe stehen: in heutiger Rechtschreibung, behutsam modernisiert, mit der Seite der Gesamtausgabe (GA) in der Auflage, die der Band nennt, damit sich jede Stelle im Original nachschlagen lässt. Den ganzen Zusammenhang gibt der Band.
Waldorfpädagogik: Grundlagen und Praxis
Alle Stellen stehen in Band 01 „Waldorfpädagogik: Grundlagen und Praxis“ der Studienausgabe, herausgegeben von GeistStudies – dort im Zusammenhang des ganzen Textes.
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