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GEISTSTUDIES
FrageBand 01GA 311, 297

Was passiert um das neunte Lebensjahr? Steiners These von der Krise der Autorität

7 Stellen aus Band 01 „Waldorfpädagogik: Grundlagen und Praxis“. Die Stellen stammen vor allem aus Vorträgen von 1924, in denen Steiner zu Lehrern über die Schule sprichtGA 311 S. 40; dazu kommt ein Hinweis zum Lehrplan aus einem Vortrag für Eltern von 1919GA 297 S. 73.

Kurz gesagtWas der Band zu dieser Frage sagt, in unseren Worten; jede Aussage mit Seite.

Kurz gesagt

Erst zwischen dem 9. und 10. Lebensjahr lerne das Kind, „sich von der Umgebung zu unterscheiden“; vorher betrachte es „alles als eine Einheit“GA 311 S. 38. In der Wirklichkeit zeige sich das, „natürlich ist das alles approximativ, annähernd“, darin, dass das Kind „mit irgendeiner Schwierigkeit“ an den Lehrer herankomme und meistens etwas anderes ausdrücke als das, was ihm „auf der Seele lastet“GA 311 S. 41. Im Unterbewussten frage es: „Ich habe alles vom Lehrer, vom Erzieher, und woher hat's der?“GA 311 S. 41 Steiner rät, dann nicht „in Definitionen oder in Erklärungen“ einzutreten, sondern „ein herzliches seelendurchtränktes Wort“ zu finden, über „Wochen, Monate“, sodass die Autorität erhalten bleibtGA 311 S. 41. Das nennt er „die Krisis des autoritativen Prinzipes“; es liege „in der Wesenheit des Menschen“, dass er in diesem Alter „nicht wankend werden darf in dem Glauben an den guten Menschen“GA 311 S. 41. Danach könne man mit dem Kind „von Außendingen“ sprechen und es in Pflanzen- und Tierreich einführenGA 311 S. 43; schon 1919 sagte Steiner den Eltern, um das neunte Jahr träten „neue, innere, leibliche und seelische Kräfte“ auf, und was der Lehrplan erst „nach dem neunten Jahr“ vorsehe, solle nicht vorher kommenGA 297 S. 73.

Die StellenSteiners Sätze, so wie sie in der Studienausgabe stehen.

Die Stellen

Zweiter VortragTorquay, 13. August 1924 · Vom Bild muss man ausgehenGA 311 S. 38

Es betrachtet alles als eine Einheit, und sich mit der Umgebung auch als eine Einheit. Erst zwischen dem 9. und 10. Lebensjahr lernt eigentlich das Kind sich von der Umgebung zu unterscheiden. Das muss man im strengsten Sinn berücksichtigen, wenn man den ganzen Unterricht planvoll orientieren will.

GA 311 S. 40

Zwischen dem 9. und 10. Lebensjahr liegt für das Kind etwas außerordentlich Bedeutsames. Das muss der Lehrer bemerken.

GA 311 S. 41

Abstrakt ausgesprochen liegt das vor zwischen dem 9. und 10. Jahr, dass das Kind sich unterscheiden lernt von seiner Umgebung, sich als Ich, die Umgebung eben als das Äußere, nicht zu dem Ich gehörige empfindet. Das ist aber abstrakt die Sache ausgesprochen. Die Wirklichkeit liegt so, natürlich ist das alles approximativ, annähernd, dass das Kind in diesem Lebensalter mit irgendeiner Schwierigkeit an den geliebten Lehrer oder die geliebte Lehrerin herankommt. Meistens sogar drückt das Kind gar nicht das aus, was ihm auf der Seele lastet, sondern etwas anderes.

GA 311 S. 41

Denn, sehen Sie, Sie können gar nicht erziehend, unterrichtend, mit Kindern in diesem Lebensalter arbeiten, wenn Sie nicht die selbstverständliche Autorität sind, wenn das Kind nicht das Gefühl hat, etwas ist wahr, weil Sie es für wahr halten, etwas ist schön, weil Sie es schön finden und es bemerklich machen, etwas ist gut, weil Sie es für gut halten. Sie müssen für das Kind der Repräsentant sein für das Gute, Wahre und Schöne.

GA 311 S. 41

Jetzt, zwischen dem 9. und 10. Jahr, kommt ganz instinktiv im Unterbewussten diese Empfindung über das Kind: Ich habe alles vom Lehrer, vom Erzieher, und woher hat's der? Was steht hinter dem? Das braucht nicht weiter ausgeführt zu werden. Tritt man da in Definitionen oder in Erklärungen ein, so ist es von Schaden. Aber wichtig ist, dass man da ein herzliches seelendurchtränktes Wort findet für das Kind, oder Worte - es dauert ja in der Regel länger, die Schwierigkeiten dauern fort, durch Wochen, Monate -, sodass man über diese Klippe hinüber in dem Kind die Autorität aufrechterhält. Da ist die Krisis des autoritativen Prinzipes beim Kind.

Dritter VortragTorquay, 14. August 1924 · Pflanze und Erde, Tier und MenschGA 311 S. 43

Wenn das Kind zwischen dem 9. und 10. Lebensjahr angekommen ist, dann kann es sich zunächst von seiner Umgebung unterscheiden. Der Unterschied zwischen Subjekt und Objekt - Subjekt = das Eigene, Objekt = das Andere - tritt eigentlich erst in diesem Zeitpunkt wirklich auf, und wir können dann beginnen, von Außendingen zu sprechen, während wir vorher diese Außendinge so behandeln müssen, als ob sie eigentlich eins wären mit dem Körper des Kindes.

Vortrag für die Eltern der WaldorfschulkinderStuttgart, 31. August 1919 · Pioniere wollen wir seinAus dem Vortrag für die Eltern von 1919; Steiner spricht hier vom Lehrplan.GA 297 S. 73

Man braucht eine gründliche Kenntnis des menschlichen Lebens, wenn man eine gründliche, eine wahre, eine dem Menschen dienliche Erziehungskunst ausüben will. Man muss wissen, wie man als Lehrer vor dem neunten Jahr und nach dem neunten Jahr wirken soll.

Was der Text nicht sagtNaheliegende Lesarten, die der Band nicht trägt.

Was der Text nicht sagt

  • Nicht: „Rubikon“ oder „Neunjahreskrise“. Diese Wörter stehen nicht im Band, ebenso wenig „Entwicklungspsychologie“; Steiner spricht von der „Krisis des autoritativen Prinzipes“ und nennt die Altersangabe selbst „approximativ, annähernd“GA 311 S. 41.
  • Nicht: eine Diagnose für Eltern. Steiner beschreibt, wie ein Kind „an den geliebten Lehrer oder die geliebte Lehrerin“ herantritt, und spricht vom Erhalt der Autorität im UnterrichtGA 311 S. 41; die Übertragung auf Eltern ist eine Deutung. Auch die Warnung vor Erklärungen gilt diesem Moment, nicht allgemein; vom Definieren rät Steiner allerdings auch sonst ab: „Wir sollten im Unterricht nicht definieren, wir sollten versuchen zu charakterisieren.“GA 293 S. 140
  • Nicht: eine geheime Antwort auf die Frage des Kindes. Was „hinter dem“ steht, führt Steiner nicht aus; der Satz „Das braucht nicht weiter ausgeführt zu werden.“ steht unmittelbar vor der Warnung, „in Definitionen oder in Erklärungen“ einzutretenGA 311 S. 41.
  • Nicht: Vor neun kennt das Kind kein Ich. Gemeint ist das Unterscheiden: Vor dem 9. oder 10. Lebensjahr wisse sich das Kind „nicht als ein Ich von seiner Umgebung zu unterscheiden“GA 311 S. 37; von sich in der Ich-Form spreche es aus einem gewissen Instinkt „längst“, fühle sich „in Wahrheit“ aber „eigentlich in der ganzen Welt drinnen“GA 311 S. 38.
Zu den Stellen

Die Frage ist von heute. „Kurz gesagt“ fasst in unseren Worten zusammen, was der Band zu dieser Frage sagt; „Was der Text nicht sagt“ nennt naheliegende Lesarten, die er nicht trägt. Jede Aussage über den Text nennt ihre Seite, und jedes Zitat daraus steht im Wortlaut der Studienausgabe auf dieser Seite; dass ein Wort im Band nicht vorkommt, ist am ganzen Band gezählt. Auch Vorspann, Auswahl der Stellen und Hinweise in der Randspalte sind unsere. Die Stellen selbst sind Steiners Sätze – bei Vorträgen in der Übertragung der Stenogramme, die die Gesamtausgabe druckt –, so wie sie in der Studienausgabe stehen: in heutiger Rechtschreibung, behutsam modernisiert, mit der Seite der Gesamtausgabe (GA) in der Auflage, die der Band nennt, damit sich jede Stelle im Original nachschlagen lässt. Den ganzen Zusammenhang gibt der Band.

Der BandBand 01

Waldorfpädagogik: Grundlagen und Praxis

Alle Stellen stehen in Band 01 „Waldorfpädagogik: Grundlagen und Praxis“ der Studienausgabe, herausgegeben von GeistStudies – dort im Zusammenhang des ganzen Textes.

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