Warum wollte Steiner Schule ohne Staatsvorgaben – und machte doch Kompromisse?
8 Stellen aus Band 01 „Waldorfpädagogik: Grundlagen und Praxis“. Steiner spricht hier 1919 und 1920 über die Staatsschule seiner Zeit, vor ElternGA 297 S. 77GA 298 S. 46 und vor den künftigen Lehrern der ersten WaldorfschuleGA 293 S. 13.
Kurz gesagt
Steiner will Erziehung nicht danach ausrichten, was „diese oder jene Staatsgemeinschaft“ vorschreibt, sondern sich mit seinen Fragen „an die einheitliche Menschennatur und ihre Anforderungen“ wendenGA 297 S. 77. An der Staatsschule seiner Zeit kritisiert er, dass das Ziel bis ins Einzelne durch die „staatlich approbierte Methode“ vorgeschrieben war, von der der Lehrer nicht „in Freiheit“ absehen konnteGA 298 S. 46. Polemisch sagt er 1919 den Eltern, der Staat lasse in das Kind „das hineintrichtern, was er braucht, um seine Stellen zu besetzen“GA 297 S. 78; 1920 erwartet er, dass künftig noch mehr vorgeschrieben werde, „namentlich im Geschichtsunterricht“GA 298 S. 53. Für die eigene Schule spricht er 1919 von Kompromissen, die „notwendig“ seien, weil der Staat „Schlechte Lehrziele, schlechte Abschlussziele“ vorschreibe; man müsse die Ideale kennen und doch „die Schmiegsamkeit haben“, sich anzupassenGA 293 S. 13–14. Den Eltern sagt er zu, man werde „dennoch überall die Lehrziele erreichen“, damit die Schüler in andere Schulen übertreten könnenGA 297 S. 88. Als Ziel nennt er ein „freies soziales Unterrichts- und Erziehungswesen“, das sich durch viele solche Schulen verbreiten solleGA 297 S. 85.
Die Stellen
Wir gehen nicht und fragen zuerst bei den vorhandenen Ständen: Wozu sollen wir den Menschen erziehen und unterrichten, damit er seinem Stand genügt? Wir fragen auch nicht: Was schreibt diese oder jene Staatsgemeinschaft vor, wie wir den Menschen erziehen sollen, damit er das erfüllt, was sie von ihm verlangt? Nein, wir wenden uns mit unseren Fragen an die einheitliche Menschennatur und ihre Anforderungen.
Und es wurde die Erreichung des Zieles bis ins Einzelste hinein vorgeschrieben durch das, was man die staatlich approbierte Methode nennen könnte. Diese Methode war von einer solchen Art, dass es dem einzelnen Lehrer nicht möglich gewesen wäre, in Freiheit von ihr abzusehen.
Aber wir haben es nötig, Kompromisse zu schließen. Kompromisse sind notwendig, denn wir sind noch nicht so weit, um eine wirklich freie Tat zu vollbringen. Schlechte Lehrziele, schlechte Abschlussziele werden uns vom Staat vorgeschrieben.
Zwei widersprechende Kräfte sind dabei in Einklang zu bringen. Auf der einen Seite müssen wir wissen, was unsere Ideale sind, und müssen doch noch die Schmiegsamkeit haben, uns anzupassen an das, was weit abstehen wird von unseren Idealen.
Indem wir die richtige Methode, das heißt die der Menschennatur entsprechende Methode anwenden, werden wir im Unterricht ökonomisch verfahren können und dadurch manches leisten, was andere Schulen nicht leisten können, und dennoch überall die Lehrziele erreichen. Sodass, solange unsere gegenwärtige Ordnung besteht, die Schüler, wenn sie bei uns die Schule absolviert haben, in andere Lehranstalten übertreten können, dass sie keine Zeit verlieren und dergleichen.
Man gibt sich da recht sonderbaren Anschauungen hin, indem man sagt: Der Unterricht muss unentgeltlich erteilt werden. - Ich möchte wissen, wie das in Wirklichkeit gemacht werden soll. Man streut sich ja nur Sand in die Augen, denn der Unterricht muss bezahlt werden; er kann nicht unentgeltlich sein; es geht nur auf dem Umweg durch die Besteuerung oder dergleichen.
Wir sehen, dass die Volksschule zu einer Konfessionsschule, einer Parteischule und Schule von bestimmten wirtschaftlichen Gruppen werden kann, dass man noch weniger als früher bedacht ist, auf das allgemein Menschliche Rücksicht zu nehmen, jetzt mit aller Eindringlichkeit des juristisch arbeitenden Beamtenapparates.
Denn selbstverständlich wird nur das aus der Waldorfschule hervorgehen können, was aus ihr hervorgehen soll, wenn möglichst bald an recht vielen Orten ein Gleiches aus gleichem Geist heraus gebildet wird. Dann werden sehr bald sehr viele nachfolgen. Dann wird der Geist frei walten und sich ein freies soziales Unterrichts- und Erziehungswesen über die zivilisierte Erde verbreiten.
Was der Text nicht sagt
- Nicht: Schule ohne Abschlüsse und ohne Anschluss. Steiner sagt den Eltern 1919 zu, „dennoch überall die Lehrziele erreichen“ zu wollen, damit die Schüler, „solange unsere gegenwärtige Ordnung besteht“, in andere Schulen übertreten könnenGA 297 S. 88; 1924 sagt er, weil man „mit einer Privatschule die Kinder ja ins öffentliche Leben hineinzustellen“ habe, könne man nicht so vorgehen, „wie man eigentlich sollte“GA 311 S. 35.
- Nicht: eine Forderung nach Schulgeld. Die Rede vom „unentgeltlich“ erteilten Unterricht hält Steiner für eine Phrase, weil Unterricht immer bezahlt werde: „es geht nur auf dem Umweg durch die Besteuerung oder dergleichen“GA 297 S. 79; ob Schulen aus Steuern oder auf andere Weise bezahlt werden sollen, entscheidet er hier nicht.
- Nicht: Schule in der Hand von Konfessionen, Parteien oder Wirtschaftsgruppen. 1920 warnt Steiner, die neue Schulgesetzgebung könne die Volksschule zu „einer Konfessionsschule, einer Parteischule und Schule von bestimmten wirtschaftlichen Gruppen“ machenGA 298 S. 52; die eigene Schule wollte er 1919 „nicht regierungsgemäß, sondern verwaltungsgemäß einrichten“ und in „einer wirklichen Lehrer-Republik“ verwaltenGA 293 S. 14.
- Nicht: eine Aussage über heutiges Schulrecht. Steiner spricht 1919 und 1920 über die Lehrziele und die Schulgesetzgebung seiner ZeitGA 297 S. 88GA 298 S. 52; „Ersatzschule“ oder „Homeschooling“ kommen im Band nicht vor.
- Nicht: eine Schule, die Anthroposophie lehrt. Vor den künftigen Lehrern sagt Steiner 1919 zwar, die Waldorfschule werde „ein praktischer Beweis sein für die Durchschlagskraft der anthroposophischen Weltorientierung“, im selben Vortrag aber: „Die Waldorfschule soll keine Weltanschauungsschule sein, in der wir die Kinder möglichst mit anthroposophischen Dogmen vollstopfen.“ Anthroposophie sei „kein Lehrinhalt“ und solle nur in der Methodik wirkenGA 293 S. 13–15.
Die Frage ist von heute. „Kurz gesagt“ fasst in unseren Worten zusammen, was der Band zu dieser Frage sagt; „Was der Text nicht sagt“ nennt naheliegende Lesarten, die er nicht trägt. Jede Aussage über den Text nennt ihre Seite, und jedes Zitat daraus steht im Wortlaut der Studienausgabe auf dieser Seite; dass ein Wort im Band nicht vorkommt, ist am ganzen Band gezählt. Auch Vorspann, Auswahl der Stellen und Hinweise in der Randspalte sind unsere. Die Stellen selbst sind Steiners Sätze – bei Vorträgen in der Übertragung der Stenogramme, die die Gesamtausgabe druckt –, so wie sie in der Studienausgabe stehen: in heutiger Rechtschreibung, behutsam modernisiert, mit der Seite der Gesamtausgabe (GA) in der Auflage, die der Band nennt, damit sich jede Stelle im Original nachschlagen lässt. Den ganzen Zusammenhang gibt der Band.
Waldorfpädagogik: Grundlagen und Praxis
Alle Stellen stehen in Band 01 „Waldorfpädagogik: Grundlagen und Praxis“ der Studienausgabe, herausgegeben von GeistStudies – dort im Zusammenhang des ganzen Textes.
- Was wirkt bei kleinen Kindern – Worte oder Vorbild?
- Warum soll man Kindern Märchen erzählen?
- Warum sollen Kinder nach Steiner erst schreiben und dann lesen lernen?
- Was passiert um das neunte Lebensjahr? Steiners These von der Krise der Autorität
- Nachsitzen mit Rechenaufgaben? Wie Steiner Strafen in der Schule ersetzen wollte
- Serviette statt Puppe mit Echthaar – warum wollte Steiner unfertiges Spielzeug?
- Warum hielt Steiner Musik für Kinder für so wichtig?
- Ist meine Arbeitskraft eine Ware?
- Warum hat die Wirtschaft so viel Einfluss auf die Politik?
- Wer sollte die Arbeitszeit festlegen – Chef, Markt oder das Recht?
- Widersprechen sich Freiheit und Gleichheit?
- Wer bekommt das Unternehmen, wenn der Gründer geht?
- Darf Vermögen über Generationen in der Familie bleiben?
- Ist das Problem der Kapitalismus – oder die Vermischung von Wirtschaft und Staat?
- Wer sollte über Schule entscheiden – Staat, Wirtschaft oder die Lehrenden?