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GEISTSTUDIES
FrageBand 01GA 34, 311

Serviette statt Puppe mit Echthaar – warum wollte Steiner unfertiges Spielzeug?

7 Stellen aus Band 01 „Waldorfpädagogik: Grundlagen und Praxis“. Steiner spricht hier vom Spielzeug des kleinen Kindes: 1907 in einer Schrift über die Zeit bis zum ZahnwechselGA 34 S. 324–325 und 1924 in einem Vortrag über den „Übergang im Zahnwechsel“GA 311 S. 29.

Kurz gesagtWas der Band zu dieser Frage sagt, in unseren Worten; jede Aussage mit Seite.

Kurz gesagt

Steiner stellt zwei Puppen gegenüber: eine aus einer zusammengewundenen Serviette, mit Tintenklecksen als Augen, Nase und Mund, und eine gekaufte „schöne“ Puppe „mit echten Haaren und bemalten Wangen“GA 34 S. 325. An der Serviette müsse das Kind „aus seiner Phantasie heraus“ ergänzen, was das Ding erst als Mensch erscheinen lässtGA 34 S. 325. Bei der fertigen Puppe werde die Phantasie „totgemacht“, und das Kind erlebe auch „nicht so viel Freude daran“GA 311 S. 29. Zu suchen sei darum „möglichst wenig Fertiges“, damit das Kind „möglichst viel dazusetzen“ könneGA 311 S. 30. Spielzeug, das „nur aus toten mathematischen Formen“ besteht, wirke „verödend“; gut sei, was „die Vorstellung des Lebendigen erregt“, etwa zwei verschiebbare Hölzer mit zwei Schmieden oder Bilderbücher mit Figuren, die man an Fäden ziehtGA 34 S. 326. Die Ergänzung durch die Phantasie verbindet Steiner 1907 mit einer Behauptung über das Gehirn: Diese Arbeit wirke „bildend auf die Formen des Gehirns“, und als Quelle nennt er den Blick, mit dem „der Geisteswissenschafter“ in das sich aufbauende Gehirn hineinschaueGA 34 S. 325; mit Geisteswissenschaft meint er in dieser Schrift die Anthroposophie, die er ausdrücklich von der „landläufigen Wissenschaft der Gegenwart“ unterscheidetGA 34 S. 313GA 34 S. 344.

Die StellenSteiners Sätze, so wie sie in der Studienausgabe stehen.

Die Stellen

Die Erziehung des KindesAufsatz, 1907 · Vom Gesichtspunkte der GeisteswissenschaftGA 34 S. 325

Man kann einem Kinde eine Puppe machen, indem man eine alte Serviette zusammenwindet, aus zwei Zipfeln Beine, aus zwei anderen Zipfeln Arme fabriziert, aus einem Knoten den Kopf, und dann mit Tintenklecksen Augen und Nase und Mund malt. Oder man kann eine sogenannte «schöne» Puppe mit echten Haaren und bemalten Wangen kaufen und sie dem Kinde geben.

GA 34 S. 325

Die Haupterziehungsfrage dabei ist eine andere. Wenn das Kind die zusammengewickelte Serviette vor sich hat, so muss es sich aus seiner Phantasie heraus das ergänzen, was das Ding erst als Mensch erscheinen lässt.

Zweiter VortragTorquay, 13. August 1924 · Vom Bild muss man ausgehenGA 311 S. 29

Und so muss man den Übergang im Zahnwechsel beobachtend erleben. Man wird dann finden, dass das Kind vor allen Dingen die symbolisierende Gabe, die Phantasiegabe herausentwickelt aus dem, dass es vorher ganz Sinnesorgan ist, und darauf muss man rechnen, auch schon im Spiel.

GA 311 S. 29

So bekommt man heute zum Beispiel überall sogenannte schöne Puppen für die Kinder. Oh, die haben ein so schön geformtes Gesicht, wunderbar gestrichene Wangen, sogar Augen, mit denen sie schlafen können, wenn man sie hinlegt, echte Haare, und was nicht alles! Aber damit wird die Phantasie des Kindes totgemacht. Es kann selber nichts mehr in der Phantasie aus dieser Gestalt machen. Das Kind erlebt auch nicht so viel Freude daran. Dagegen macht man selbst eine Puppe aus einer Serviette oder einem Taschentuch, mit zwei Tintenklecksen die Augen, mit einem Tintenklecks einen Mund, man kann auch irgendwie Arme formen, dann kann das Kind mit der Phantasie sehr viel dazusetzen.

GA 311 S. 30

Das ist für das Kind ganz besonders gut, möglichst viel dazusetzen zu können, die Phantasie, die symbolisierende Tätigkeit entwickeln zu können. Das ist das, was man für sie suchen muss; möglichst wenig Fertiges, Schönes, wie man es nennt, geben.

Die Erziehung des KindesAufsatz, 1907 · Vom Gesichtspunkte der GeisteswissenschaftGA 34 S. 326

Alle Spielzeuge, welche nur aus toten mathematischen Formen bestehen, wirken verödend und ertötend auf die Bildungskräfte des Kindes; dagegen wirkt in der richtigen Art alles, was die Vorstellung des Lebendigen erregt.

GA 34 S. 326

Was für ein gesundes Spielzeug ist zum Beispiel das, welches durch zwei verschiebbare Hölzer zwei Schmiede zeigt, die einander zugekehrt einen Gegenstand behämmern. Man kann dergleichen noch auf dem Lande einkaufen. Sehr gut sind auch jene Bilderbücher, deren Figuren durch Fäden von unten gezogen werden können, so dass sich das Kind selbst das tote Bild in die Abbildung von Handlungen umsetzen kann.

Was der Text nicht sagtNaheliegende Lesarten, die der Band nicht trägt.

Was der Text nicht sagt

  • Nicht: ein Urteil über heutige Produkte. Der Band macht kein Material zum Maßstab und nennt keine Marke; Serviette, Taschentuch und Hölzer stehen bei ihm als Beispiele, sein Maßstab ist fertig gegen ergänzbar und tot gegen lebendigGA 34 S. 325–326GA 311 S. 29–30; „Kunststoff“ oder „Barbie“ kommen im Band nicht vor.
  • Nicht: alles Geometrische ist schlecht. Steiner meint Spielzeuge, „welche nur aus toten mathematischen Formen bestehen“GA 34 S. 326.
  • Nicht: vor allem eine Geschmacksfrage. Dass die gekaufte Puppe „scheußlich“ sei, braucht nach Steiner 1907 „gar nicht einmal“ besprochen zu werden: „Die Haupterziehungsfrage dabei ist eine andere.“GA 34 S. 325 1924 nennt er sie scheußlich, „weil sie unkünstlerisch ist“, ihr Schönes sei nur „konventionell schön“; das ist Steiners WertungGA 311 S. 30.
  • Keine Vorwegnahme heutiger Forschung: Steiner begründet seine Sicht mit seiner GeisteswissenschaftGA 34 S. 326; „Hirnforschung“ oder „offenes Spielzeug“ kommen im Band nicht vor.
Zu den Stellen

Die Frage ist von heute. „Kurz gesagt“ fasst in unseren Worten zusammen, was der Band zu dieser Frage sagt; „Was der Text nicht sagt“ nennt naheliegende Lesarten, die er nicht trägt. Jede Aussage über den Text nennt ihre Seite, und jedes Zitat daraus steht im Wortlaut der Studienausgabe auf dieser Seite; dass ein Wort im Band nicht vorkommt, ist am ganzen Band gezählt. Auch Vorspann, Auswahl der Stellen und Hinweise in der Randspalte sind unsere. Die Stellen selbst sind Steiners Sätze – bei Vorträgen in der Übertragung der Stenogramme, die die Gesamtausgabe druckt –, so wie sie in der Studienausgabe stehen: in heutiger Rechtschreibung, behutsam modernisiert, mit der Seite der Gesamtausgabe (GA) in der Auflage, die der Band nennt, damit sich jede Stelle im Original nachschlagen lässt. Den ganzen Zusammenhang gibt der Band.

Der BandBand 01

Waldorfpädagogik: Grundlagen und Praxis

Alle Stellen stehen in Band 01 „Waldorfpädagogik: Grundlagen und Praxis“ der Studienausgabe, herausgegeben von GeistStudies – dort im Zusammenhang des ganzen Textes.

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