Nachsitzen mit Rechenaufgaben? Wie Steiner Strafen in der Schule ersetzen wollte
8 Stellen aus Band 01 „Waldorfpädagogik: Grundlagen und Praxis“. Steiner spricht hier über Strafen in der Schule: 1920 vor Eltern über die alte SchuleGA 298 S. 50 und 1924 über Erfahrungen der ersten WaldorfschuleGA 311 S. 59.
Kurz gesagt
An der alten Schule kritisiert Steiner, dass die Kinder zur Strafe „besondere Schulaufgaben“ machen mussten: „So wurde die Schulaufgabe zur Strafe gestempelt.“GA 298 S. 50 Als ein Zeichen „der beginnenden Reife“ an der Waldorfschule nennt er 1920 die Stimmung der Kinder, die sich sagen: „Das Lernen ist hier keine Strafe.“GA 298 S. 55 1924 sagt er, man handle „oftmals mit gewissen Strafen auch gegen die Entwicklung der menschlichen Wesenheit“GA 311 S. 58. Rechnen als Strafe beim Nachsitzen hält er für verfehlt: Als einige Kinder nachsitzen und rechnen sollten, wollte die ganze Klasse bleiben, weil das Rechnen für sie „etwas Gutes“ warGA 311 S. 59. Statt grober Strafe setzt Steiner auf eine indirekte Beschämung, bei der man sich nicht „an den Einzelnen wendet“: Ein Lehrer, dessen Schüler sich unter der Bank Briefchen zuschoben, hielt statt zu schimpfen einen Vortrag über das Postwesen, und „Die Kinder waren beschämt“; eine Besserung trete „unter Umständen viel eher“ ein, wenn eine solche Beschämung „ganz unvermerkt vor sich geht“, „als wenn man im groben Sinn straft“GA 311 S. 59. Manches müsse man „gar nicht bemerken“ und durch das Positive wirkenGA 311 S. 67.
Die Stellen
Die Kinder mussten dann besondere Schulaufgaben machen, anstatt dass ihnen von vornherein die Anschauung wachgerufen worden wäre, es sei eine Freude, in der Schule arbeiten zu dürfen. So wurde die Schulaufgabe zur Strafe gestempelt.
Nehmen Sie doch als ein Zeichen der beginnenden Reife die Stimmung, die unsere Kinder überall beseelt und belebt, die die Kinder in die Schule hineintragen, wenn sie sich sagen: Das Lernen ist hier keine Strafe.
Wenn man aber das Kind durch gewisse Dinge strafen will, so handelt man oftmals mit gewissen Strafen auch gegen die Entwicklung der menschlichen Wesenheit.
Wie wird in gewöhnlichen Schulen oftmals gestraft? Kinder haben in der Stunde etwas nicht ordentlich gemacht, man lässt sie nachsitzen, und sie müssen zum Beispiel Rechnungen machen. Da hat sich in der Waldorfschule etwas Sonderbares herausgestellt mit drei oder vier Kindern, denen man gesagt hatte: Ihr wart unordentlich, ihr müsst nachsitzen und Rechnungen machen! - Da sagten die anderen: Da wollen wir aber auch dableiben und Rechnungen machen! - Denn sie sind so erzogen, dass das Rechnungenmachen etwas Gutes ist, nicht etwas, womit man bestraft wird. Man soll beim Kind gar nicht die Meinung hervorrufen, dass Rechnungenmachen im Nachsitzen etwas Schlimmes ist. Deshalb wollte die ganze Klasse auch dableiben und nachsitzen und Rechnungen machen. Man soll also nicht Dinge wählen, die gar nicht eine Strafe darstellen können, wenn das Kind im geraden Seelenleben erzogen werden soll.
Er bemerkte einmal, dass seine Schüler sich unter der Bank Briefchen zureichten. Sie schrieben sich Briefe, gaben also nicht acht, und steckten die Briefe unter der Bank dem Nachbarn zu, und der wieder die Antwort zurück. Nun hat Dr. Stein nicht angefangen zu schimpfen über das Briefeschreiben und gesagt: Ich will euch bestrafen! - oder so etwas, sondern er hat ganz plötzlich angefangen, einen Vortrag über das Postwesen zu halten. Die Kinder waren frappiert, dass plötzlich über das Postwesen gesprochen wurde; aber sie sind dann doch darauf gekommen, weshalb über das Postwesen gesprochen wurde. Und diese feine Art, Übergänge zu finden, die beschämt dann. Die Kinder waren beschämt, und das Briefeschreiben hat aufgehört, einfach wegen der Gedanken, die er eingeflochten hat über das Postwesen.
Und so muss man Erfindungsgabe haben, wenn man eine Klasse leiten will. Man muss nicht stereotyp durchaus auf das gehen, was so hergebracht ist, sondern man muss sich tatsächlich in das ganze Wesen des Kindes hineinversetzen können und wissen, dass eine Besserung - und mit der Strafe will man ja schließlich eine Besserung - unter Umständen viel eher eintritt, wenn auf diese Weise eine Beschämung hervorgerufen wird, aber ohne dass man sich an den Einzelnen wendet, dass das ganz unvermerkt vor sich geht, als wenn man im groben Sinn straft.
Man muss gerade bei kleineren Kindern die Gabe haben, viel unbemerkt zu lassen.
Aber der Lehrer tat, als hätte er es nicht bemerkt. Gewisse Dinge muss man eben gar nicht bemerken und da durch das Positive wirken, durch die Art und Weise wiederum, wie man sich mit diesem Kind im Positiven beschäftigt. In der Regel ist das Bemerken von Negativem etwas sehr Schlimmes.
Was der Text nicht sagt
- Nicht: Strafen gibt es nicht. Steiner spricht von „gewissen Strafen“, mit denen man „oftmals“ gegen die Entwicklung des Kindes handleGA 311 S. 58, und sagt selbst: „mit der Strafe will man ja schließlich eine Besserung“GA 311 S. 59; eine Absage an jede Strafe steht nicht im Band.
- Nicht: Beschämung spielt keine Rolle. Steiner empfiehlt sie als Weg zur Besserung, „unter Umständen“ und so, dass es „ganz unvermerkt vor sich geht“, „ohne dass man sich an den Einzelnen wendet“GA 311 S. 59; einzelne Kinder bloßzustellen meint er nicht.
- Nicht: Lob und Tadel abschaffen. Steiner kritisiert 1920, dass sich das Kind in der alten Schule „auf Schritt und Tritt dem Lob oder Tadel gegenüber“ sah, als Teil ihres SchematismusGA 298 S. 50; eine allgemeine Regel gegen das Loben gibt der Band nicht.
- Kein Elternratgeber und keine Vorwegnahme heutiger Pädagogik: Alle Stellen des Bandes zu Strafen handeln von der Schule, vom Nachsitzen und von der DisziplinGA 298 S. 50GA 311 S. 59; „Körperstrafe“ oder „Hausarrest“ kommen im Band nicht vor.
Die Frage ist von heute. „Kurz gesagt“ fasst in unseren Worten zusammen, was der Band zu dieser Frage sagt; „Was der Text nicht sagt“ nennt naheliegende Lesarten, die er nicht trägt. Jede Aussage über den Text nennt ihre Seite, und jedes Zitat daraus steht im Wortlaut der Studienausgabe auf dieser Seite; dass ein Wort im Band nicht vorkommt, ist am ganzen Band gezählt. Auch Vorspann, Auswahl der Stellen und Hinweise in der Randspalte sind unsere. Die Stellen selbst sind Steiners Sätze – bei Vorträgen in der Übertragung der Stenogramme, die die Gesamtausgabe druckt –, so wie sie in der Studienausgabe stehen: in heutiger Rechtschreibung, behutsam modernisiert, mit der Seite der Gesamtausgabe (GA) in der Auflage, die der Band nennt, damit sich jede Stelle im Original nachschlagen lässt. Den ganzen Zusammenhang gibt der Band.
Waldorfpädagogik: Grundlagen und Praxis
Alle Stellen stehen in Band 01 „Waldorfpädagogik: Grundlagen und Praxis“ der Studienausgabe, herausgegeben von GeistStudies – dort im Zusammenhang des ganzen Textes.
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