Was wirkt bei kleinen Kindern – Worte oder Vorbild?
6 Stellen aus Band 01 „Waldorfpädagogik: Grundlagen und Praxis“. Steiner spricht in diesen Stellen vom Kind vor dem Zahnwechsel, etwa bis zum siebenten JahrGA 34 S. 321.
Kurz gesagt
Für das Kind bis zum Zahnwechsel nennt Steiner „Nachahmung und Vorbild“ die beiden „Zauberworte“GA 34 S. 324. Nicht Belehrungen formten das Kind, sondern was die Erwachsenen „sichtbar vor seinen Augen tun“; das Kind lerne „nicht durch Belehrung, sondern durch Nachahmung“GA 34 S. 324; Moralisieren habe in diesem Alter „noch keinen Zugang zu der Seele des Kindes“GA 308 S. 77. Steiner begründet das aus seiner Geisteswissenschaft: Im Nachahmen gössen sich die physischen Organe des Kindes „in die Formen, die ihnen dann bleiben“; Belehrungen wirkten nicht „formenbildend auf den physischen Leib, sondern auf den Ätherleib“GA 34 S. 324. Was man dem Kind sagt, ahme es in der Sprache nach; was man selbst tut, setze sich im Kind fortGA 311 S. 25. Welche „Programmpunkte“ man sich als Erzieher setze, sei „ganz gleichgültig“: „Was für ein Mensch man ist, das kommt in Betracht.“GA 311 S. 27 In der Umgebung des Kindes solle darum nichts geschehen, was das Kind nicht nachahmen dürfteGA 34 S. 328.
Die Stellen
Es gibt zwei Zauberworte, welche angeben, wie das Kind in ein Verhältnis zu seiner Umgebung tritt. Diese sind: Nachahmung und Vorbild.
Nicht moralische Redensarten, nicht vernünftige Belehrungen wirken auf das Kind in der angegebenen Richtung, sondern dasjenige, was die Erwachsenen in seiner Umgebung sichtbar vor seinen Augen tun.
Strenge sollte daher darauf gesehen werden, dass in der Umgebung des Kindes nichts geschieht, was das Kind nicht nachahmen dürfte. Man sollte nichts tun, wovon man dem Kinde sagen müsste: Das darfst du nicht tun ...
Wir kommen moralisch dem Kind vor dem Zahnwechsel nicht bei, wenn wir irgendwie moralisieren. Das hat im ersten Lebensalter noch keinen Zugang zu der Seele des Kindes.
Was Sie dem Kind sagen, was Sie das Kind lehren, das macht noch keinen Eindruck; es macht den Eindruck, dass es in der Sprache das imitiert, was Sie ihm sagen. Aber wie Sie sind, ob Sie gut sind und diese Güte in Ihren Gesten zum Vorschein bringen oder ob Sie böse sind, zornmütig sind und das in Ihren Gesten zum Vorschein bringen, kurz, alles, was Sie selber tun, setzt sich in dem Kind drinnen fort.
Was für Programmpunkte man sich setzt, ist ja ganz gleichgültig. Was für ein Mensch man ist, das kommt in Betracht.
Was der Text nicht sagt
- Nicht gemeint ist, alles durchgehen zu lassen. An anderer Stelle sagt Steiner: „Natürlich müssen wir schon ein bisschen Philister sein, dass wir nicht alle Ungezogenheiten durchlassen“GA 311 S. 19. Der Satz, man solle nichts tun, „wovon man dem Kinde sagen müsste: Das darfst du nicht tun“, zielt auf das Tun der ErwachsenenGA 34 S. 328.
- Nicht gemeint ist, mit dem Kind wenig zu sprechen. Auch das Sprechenlernen solle nach Steiner „im Sinne der Nachahmung“ geschehen: „Hörend lernt das Kind am besten sprechen. Alle Regeln und alle künstliche Belehrung können nichts Gutes wirken.“GA 34 S. 328
- Es gilt in dieser Form nur bis zum Zahnwechsel. Danach heißen die Zauberworte bei Steiner „Nachfolge und Autorität“GA 34 S. 329; auf Gebote setzt er auch dann nicht: Moralgebote seien für das Kind bis zur Geschlechtsreife „ein leerer Schall“GA 308 S. 77.
- Keine Vorwegnahme heutiger Lernforschung: Für die Nachahmung beruft sich Steiner auf Aristoteles, der den Menschen „das nachahmendste der Tiere“ genannt habe, und begründet sie aus seiner GeisteswissenschaftGA 34 S. 324; Begriffe wie „Lernen am Modell“ oder „Spiegelneuronen“ kommen im Band nicht vor.
Die Frage ist von heute. „Kurz gesagt“ fasst in unseren Worten zusammen, was der Band zu dieser Frage sagt; „Was der Text nicht sagt“ nennt naheliegende Lesarten, die er nicht trägt. Jede Aussage über den Text nennt ihre Seite, und jedes Zitat daraus steht im Wortlaut der Studienausgabe auf dieser Seite; dass ein Wort im Band nicht vorkommt, ist am ganzen Band gezählt. Auch Vorspann, Auswahl der Stellen und Hinweise in der Randspalte sind unsere. Die Stellen selbst sind Steiners Sätze – bei Vorträgen in der Übertragung der Stenogramme, die die Gesamtausgabe druckt –, so wie sie in der Studienausgabe stehen: in heutiger Rechtschreibung, behutsam modernisiert, mit der Seite der Gesamtausgabe (GA) in der Auflage, die der Band nennt, damit sich jede Stelle im Original nachschlagen lässt. Den ganzen Zusammenhang gibt der Band.
Waldorfpädagogik: Grundlagen und Praxis
Alle Stellen stehen in Band 01 „Waldorfpädagogik: Grundlagen und Praxis“ der Studienausgabe, herausgegeben von GeistStudies – dort im Zusammenhang des ganzen Textes.
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