Widersprechen sich Freiheit und Gleichheit?
6 Stellen aus Band 02 „Die Soziale Dreigliederung“. Steiner schreibt 1919 über die drei Worte Brüderlichkeit, Gleichheit, Freiheit, die „am Ende des 18. Jahrhunderts“ als Devise einer Neugestaltung zu hören warenGA 23 S. 87.
Kurz gesagt
Steiner gibt zu, dass scharfsinnige Denker gezeigt hätten, wie unmöglich es sei, „in einem einheitlichen sozialen Organismus“ Brüderlichkeit, Gleichheit und Freiheit zu verwirklichen; diesem Widerspruch könne man „gar nicht anders als zustimmen“GA 23 S. 88. Er bestehe, „weil die wahre soziale Bedeutung dieser drei Ideale erst zutage tritt durch das Durchschauen der notwendigen Dreigliederung des sozialen Organismus“GA 23 S. 88. Die Brüderlichkeit gehöre ins Wirtschaftsleben, wo sie „aus den Assoziationen heraus ersteht“, die Gleichheit in das System des öffentlichen Rechts, die Freiheit in das geistige GebietGA 23 S. 89. Im Rechtsleben stehe jeder dem andern „als ein Gleicher gegenüber“, weil dort nur verhandelt werde, worin „jeder Mensch gleich urteilsfähig ist“GA 23 S. 20. Nicht ein „abstrakt zentralisiertes Sozialgebilde“ könne die drei Ideale durcheinander verwirklichen; jedes der drei Glieder schöpfe seine Kraft aus einem von ihnenGA 23 S. 89, und erst durch ihr „lebendiges Nebeneinander- und Zusammenwirken“ entstehe die Einheit des GanzenGA 23 S. 88.
Die Stellen
In dem freien Geistesleben betätigt sich jeder nach seinen besonderen Fähigkeiten; im Wirtschaftsleben füllt jeder seinen Platz so aus, wie sich das aus seinem assoziativen Zusammenhang ergibt. Im politisch-rechtlichen Staatsleben kommt er zu seiner rein menschlichen Geltung, insofern diese unabhängig ist von den Fähigkeiten, durch die er im freien Geistesleben wirken kann, und unabhängig davon, welchen Wert die von ihm erzeugten Güter durch das assoziative Wirtschaftsleben erhalten.
Aus andern Grundlagen heraus, als die sind, in denen wir heute leben, tauchte aus tiefen Untergründen der menschlichen Natur heraus am Ende des 18. Jahrhunderts der Ruf nach einer Neugestaltung des sozialen menschlichen Organismus. Da hörte man wie eine Devise dieser Neuorganisation die drei Worte: Brüderlichkeit, Gleichheit, Freiheit.
Dennoch, es gab scharfsinnige Denker, welche im Laufe des 19. Jahrhunderts sich Mühe gegeben haben, zu zeigen, wie es unmöglich ist, in einem einheitlichen sozialen Organismus diese Ideen von Brüderlichkeit, Gleichheit, Freiheit zu verwirklichen. Solche glaubten zu erkennen, dass sich diese drei Impulse, wenn sie sich verwirklichen sollen, im sozialen Organismus widersprechen müssen. Scharfsinnig ist nachgewiesen worden zum Beispiel, wie unmöglich es ist, wenn der Impuls der Gleichheit sich verwirklicht, dass dann auch die in jedem Menschenwesen notwendig begründete Freiheit zur Geltung komme. Und man kann gar nicht anders als zustimmen denen, die diesen Widerspruch finden; und doch muss man zugleich aus einem allgemein menschlichen Empfinden heraus mit jedem dieser drei Ideale Sympathie haben!
Dies Widerspruchsvolle besteht aus dem Grunde, weil die wahre soziale Bedeutung dieser drei Ideale erst zutage tritt durch das Durchschauen der notwendigen Dreigliederung des sozialen Organismus. Die drei Glieder sollen nicht in einer abstrakten, theoretischen Reichstags- oder sonstigen Einheit zusammengefügt und zentralisiert sein. Sie sollen lebendige Wirklichkeit sein. Ein jedes der drei sozialen Glieder soll in sich zentralisiert sein; und durch ihr lebendiges Nebeneinander- und Zusammenwirken kann erst die Einheit des sozialen Gesamtorganismus entstehen.
Dann wird man erkennen, dass das Zusammenwirken der Menschen im Wirtschaftsleben auf derjenigen Brüderlichkeit ruhen muss, die aus den Assoziationen heraus ersteht. In dem zweiten Glied, in dem System des öffentlichen Rechts, wo man es zu tun hat mit dem rein menschlichen Verhältnis von Person zu Person, hat man zu erstreben die Verwirklichung der Idee der Gleichheit. Und auf dem geistigen Gebiet, das in relativer Selbständigkeit im sozialen Organismus steht, hat man es zu tun mit der Verwirklichung des Impulses der Freiheit. So angesehen, zeigen diese drei Ideale ihren Wirklichkeitswert. Sie können sich nicht in einem chaotischen sozialen Leben realisieren, sondern nur in dem gesunden dreigliedrigen sozialen Organismus. Nicht ein abstrakt zentralisiertes Sozialgebilde kann durcheinander die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verwirklichen, sondern jedes der drei Glieder des sozialen Organismus kann aus einem dieser Impulse seine Kraft schöpfen. Und es wird dann in fruchtbarer Art mit den andern Gliedern zusammenwirken können.
Die Menschen werden weder in Klassen noch in Stände sozial eingegliedert sein, sondern der soziale Organismus selbst wird gegliedert sein. Der Mensch aber wird gerade dadurch wahrhaft Mensch sein können. Denn die Gliederung wird eine solche sein, dass er mit seinem Leben in jedem der drei Glieder wurzeln wird.
Was der Text nicht sagt
- Freiheit heißt hier nicht Marktfreiheit: Der Wirtschaft ordnet Steiner die Brüderlichkeit zu, die Freiheit dem geistigen GebietGA 23 S. 89.
- Aber auch nicht: Steiner gegen wirtschaftliche Freiheit. Die freie Initiative dessen, der mit Kapital etwas unternimmt, rechnet er dem freien Geistesleben zuGA 23 S. 94–95, und zwischen Arbeitleiter und Arbeitleister soll ein „wirklich freies Vertragsverhältnis“ bestehenGA 23 S. 99.
- Nicht: Brüderlichkeit als Wohltätigkeit. Das Zusammenwirken im Wirtschaftsleben soll nach Steiner auf der Brüderlichkeit ruhen, „die aus den Assoziationen heraus ersteht“GA 23 S. 89; diese schließen sich aus „Kreisen von Konsumenten, von Handeltreibenden und Produzenten“ zusammenGA 23 S. 16; von Wohltätigkeit spricht der Band nicht.
- Nicht: drei Klassen von Menschen. „Die Menschen werden weder in Klassen noch in Stände sozial eingegliedert sein, sondern der soziale Organismus selbst wird gegliedert sein“; jeder Mensch soll in allen drei Gliedern wurzelnGA 23 S. 140.
Die Frage ist von heute. „Kurz gesagt“ fasst in unseren Worten zusammen, was der Band zu dieser Frage sagt; „Was der Text nicht sagt“ nennt naheliegende Lesarten, die er nicht trägt. Jede Aussage über den Text nennt ihre Seite, und jedes Zitat daraus steht im Wortlaut der Studienausgabe auf dieser Seite; dass ein Wort im Band nicht vorkommt, ist am ganzen Band gezählt. Auch Vorspann, Auswahl der Stellen und Hinweise in der Randspalte sind unsere. Die Stellen selbst sind Steiners Sätze – bei Vorträgen in der Übertragung der Stenogramme, die die Gesamtausgabe druckt –, so wie sie in der Studienausgabe stehen: in heutiger Rechtschreibung, behutsam modernisiert, mit der Seite der Gesamtausgabe (GA) in der Auflage, die der Band nennt, damit sich jede Stelle im Original nachschlagen lässt. Den ganzen Zusammenhang gibt der Band.
Die Soziale Dreigliederung
Alle Stellen stehen in Band 02 „Die Soziale Dreigliederung“ der Studienausgabe, herausgegeben von GeistStudies – dort im Zusammenhang des ganzen Textes.
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